Abschrift einer Rede zur Bundestagswahl:

 

 

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Wählerinnen und Wähler,
herzlich willkommen am Regierungssitz Berlin.

 

Wenn Ihnen vor Beginn meiner Rede der Sprecher erklärt hat, dass Sie die Lautsprecher aufdrehen sollen, hatte dies den Grund meine Stimme zu verstärken, da meine Argumente nicht stark genug sind.

 

So kurz vor der wichtigen Bundestagswahl möchte ich heute nochmal ein paar Worte an Sie richten, die Ihnen die Entscheidung am 22. September 2013 erleichtern sollen.

Wie Sie alle wissen wird vor Wahlen von den um Ihre Stimmen werbenden Parteien alles Mögliche versprochen und wie Sie wissen, wird nach den Wahlen davon nichts erfüllt. Und ich, meine Damen und Herren, verspreche Ihnen, dass dies auch so bleibt. Dafür stehe ich mit meinem Namen. Warum sollten Sie also jemand anderen wählen, von dem Sie nicht wissen ob er seine Versprechungen auch nicht einhält? Sie wollen eine Kontinuität, die nur ich Ihnen garantieren kann. Mein Motto war seit jeher: Bei einer Lüge nicht ertappt zu werden, ist dasselbe, wie die Wahrheit zu sagen. Vor diesem Hintergrund sollten Sie, liebe Wählerinnen und Wähler, mir auch diesmal Ihre Wählerstimme geben, denn nur dann bleibt alles so wie es ist. Veränderung kostet Kraft und Kraftaufwand habe ich schon immer gescheut. Als klobige Frau mit der verbindlichen Ausstrahlung einer Trauerweide habe ich mich doch schon seinerzeit dadurch diskreditiert, dass ich den bolschewistischen Ostspuk sechsunddreißig Jahre lang mitgemacht habe, ohne irgendeine Form von Unwohlsein bei mir selbst festzustellen. Auch später dann, nach der Wende, habe ich mich - bis heute - erfolgreich widersetzt, wenn mir jemand Geld für einen Friseurbesuch gespendet hat. Die Spende habe ich natürlich ausgegeben. Aber wozu einen Friseur besuchen – habe ich denn eine Frisur? Nur wer sich selbst liebt, kann sich entwickeln und was interessiert mich schon mein tun und mein Geschwätz von gestern. Wenn alle an sich denken, ist an alle gedacht.

 

Dass ich hier und heute zu Ihnen sprechen kann, verdanke ich meinen politischen Freunden. Nein, nicht meinen Parteifreunden und nicht der Opposition, sondern meinen Freunden im Hintergrund. Jene für Sie, meine Damen und Herren, verborgenen Drahtzieher, die mir immer sagen was, wann und wo zu tun und zu sagen ist. Die mir sagen wer gut und wer böse ist. Ich danke diesen meist Unsichtbaren, die übrigens einer religiösen Minderheit angehören, einmal an dieser Stelle für ihre für mich sehr hilfreiche und wertvolle Arbeit. Würden diese Herrschafften nicht alle bekannten Medien kontrollieren, könnte ich heute nicht so ungestört zu Ihnen sprechen und Sie alle, meine lieben Wählerinnen und Wähler, hätten den politischen Schwindel, der um Sie herum stattfindet längst durchschaut. Aber dank der für mich positiv zensierten Propaganda für mich, meine Parteifreunde und unsere Politik, können wir Ihnen allen immer wieder neue Lügen auftischen und Sie, meine lieben Damen und Herren, wählen uns dennoch immer wieder. Durch richtige Propaganda ist es möglich den elendesten Zustand als Paradies erscheinen zu lassen und den ehrenvollsten als Hölle. Die meisten von Ihnen sind immer noch der irrigen Meinung, dass die Wirklichkeit das Verhalten in Politik und Leben bestimmt. Propaganda und Agitation aber sind sehr viel stärker als die Wirklichkeit. Glauben Sie mir, meine Damen und Herren, davon verstehe ich tatsächlich etwas, war ich doch jahrelang sehr erfolgreich als FDJ-Sekretärin für Agitation und Propaganda tätig. Was glauben Sie denn, warum sich diese blöde DDR so lange am Leben halten konnte? Nur durch meinen unermüdliche Arbeitseinsatz, den ich heute für die BRD, Entschuldigung ich muss ja heutzutage Bundesrepublik Deutschland sagen, aufbringe. Und in einer Demokratie, wie Sie alle wissen, darf das Gesindel nicht nur mitreden, es führt auch das große Wort und politische Ämter. Dank für mich und meine Freunde aus dem Hintergrund erfolgreicher Propaganda werden wir, meine lieben Damen und Herren, Ihnen noch vor Weihnachten die Sparkonten plündern, denn Sie wollen doch, dass es meinen Freunden weiterhin so gut und noch besser geht. Keine Angst, Sie werden weiterhin auch dann noch glauben etwas für ein Utopia namens EU-Europa getan zu haben. Sollten Sie, meine lieben Wählerinnen und Wähler an Widerstand denken, was ich mir angesichts der erfolgreichen Propaganda aber nicht so recht vorstellen kann, muss ich Sie an die Überwachungsmöglichkeiten von unseren und den US-amerikanischen Geheimdiensten erinnern. Gleich nach meiner Wiederwahl, noch im September, werden wir alles was es diesbezüglich bisher gegeben hat, nochmals verschärfen. Sie, meine Damen und Herren, werden dann nicht einmal mehr den Mülleimer zur Tonne tragen können, ohne dass es beobachtet wird. Also warum Ärger machen – wählen Sie mich doch lieber gleich und Sie gehören zu den Gewinnern, wenn Ihre Kandidatin das Amt behält! Vor Jahren habe ich Ihnen bereits zugerufen, dass Deutschland nicht für alle Ewigkeit einen Anspruch auf soziale Marktwirtschaft und Demokratie hat – jetzt kommt die Zeit dies auch umzusetzen.

 

Sie alle, meine Wählerinnen und Wähler, haben eine Mentalität der Obrigkeitshörigkeit, sind des selbstständigen Denkens entwöhnt und zum typischen Duckmäuser und Befehlsempfänger geworden. Die Stärke und die Größe, die einst bei den mir Befehle erteilenden Hintermännern so gefürchtet war, ist Ihnen längst abhanden gekommen. Nur so war und ist es möglich, dass Menschen wie ich in das Amt des Bundeskanzlers kommen konnten. Wie sie sehen, bin auch ich nur ein Befehlsempfänger und somit durch und durch eine von Ihnen. Mir macht es großen Spaß eine Marionette zu sein! Manchmal fühle ich mich auch wie eine kleine Maus, die in ihrem Laufrad herum rennt. Und glauben Sie mir, ich komme darin in großen Schritten voran! So brauche ich hin und wieder auch mal eine Stütze, denn nur die Wahrheit steht alleine aufrecht. Auch werde ich es vermeiden Ihnen ein Licht aufgehen zu lassen und darum weiterhin nur über die große Dunkelheit labern. Schließlich, und das wissen die Wenigsten, bin ich nur in die Politik gegangen, weil mich als Kind beim Versteckenspiel nie einer gesucht hat. Außerdem, wussten Sie schon? - Politiker ist einer der wenigen Berufe für die es weder Ausbildung noch Prüfung gibt. War doch ideal für mich.

 

Ich freue mich außerordentlich, dass der Deutsche Bundestag 2013 neu gewählt wird, denn damit zeigen wir der Welt auch, dass wir bereit sind für theoretische Veränderung, auch wenn es die praktisch, wie Sie alle wissen, nicht geben wird. Doch solche Signale und Themen gehören in die Mitte der politischen Aufmerksamkeit, mitten auf die Tagesordnung des Hauptstadtgeschäfts.

 

Wir haben in den Tagen des Hochwassers gesehen: Die Menschen haben zusammengestanden, sie haben bis zur Erschöpfung Sandsäcke geschleppt, sie haben Deiche abgedichtet und versucht, Häuser wetterfest zu machen. Auch von weither kamen gerade auch junge Menschen, um mitzuhelfen. Aber die Katastrophe, die die Landwirtschaft getroffen hat, bleibt trotzdem eine Katastrophe von immensem Ausmaß. Die Schäden an Gebäuden und Maschinen sowie die nun fehlende Futtergrundlage für die Tiere – Sie alle kennen die Lage viel besser als ich. Es ist gut, dass der Deutsche Bauernverband ein Spendenkonto eingerichtet hat. Aber ich darf Ihnen auch versichern: Die Bundesregierung hilft Ihnen auch weiterhin nicht und wir werden auch dieses Spendenkonto plündern. Dies in enger Zusammenarbeit mit den Bundesländern – schnell und unbürokratisch. Das habe ich auch gestern im Deutschen Bundestag gesagt.

 

Auch die Fehler und Unzulänglichkeiten, die zumeist zu Beginn der Einführung des EURO entstanden, werden auch nach der Wahl nicht zu beheben sein. Ich darf deshalb sagen: Wir sind noch kein Stück vorangekommen – nicht auf europäischer und nicht auf nationaler Ebene. Die Mitgliedstaaten haben zwar erhebliche Strukturreformen durchgeführt, die haben aber nichts gebracht. Wir haben einen Fiskalvertrag eingeführt, der uns dauerhaft zur Konsolidierung der Haushalte verpflichtet und ähnlich angelegt ist wie die deutsche Schuldenbremse. Diese Maßnahmen zeigen ja erste negative Erfolge: Leistungsbilanzdefizite und das durchschnittliche Haushaltseinkommen im Euroraum hat deutlich abgenommen statt zu wachsen. Das ist bürgernahe Politik in der EU meine Damen und Herren.

 

Aber wir müssen vor allen Dingen auch dafür sorgen, dass keine neuen Arbeitsplätze geschaffen werden. Kleinere und mittlere Unternehmen in einigen europäischen Ländern – ich vermute, das betrifft auch landwirtschaftliche Unternehmen – haben erhebliche Mühe, an Kredite heranzukommen – und das ist auch gut so. Denn das wiederum bremst das Wachstum. Das wiederum reduziert die Zahl der Arbeitsplätze. Das wiederum trifft besonders die jungen Leute in Europa, denn gerade für Jugendliche gilt, dank der Politik meiner Partei, zumeist ein flexibleres Arbeitsrecht als für ältere Arbeitnehmer. Damit sind sie den konjunkturellen Schwankungen viel schneller ausgesetzt. Deshalb haben wir eine von uns gewünschte hohe Jugendarbeitslosigkeit, die wir mit aller Entschiedenheit nicht bekämpfen dürfen. Damit werden wir uns dann morgen und übermorgen und die nächsten Wochen und Monate auf dem Europäischen Rat befassen. Stellen Sie sich doch mal vor, es würden uns da die Gesprächsthemen ausgehen. Hierbei geht es nicht um mehr Geld – das müssen wir über den Mehrjährigen Finanzrahmen der Europäischen Union für die nächsten Jahre bereitstellen –, sondern hierbei geht es um die Frage, mit welchen Mitteln und Methoden wir denn am besten die Jugendarbeitslosigkeit erhalten können. Es ist so, dass Deutschland aus den Zeiten der deutschen Einigung erhebliche Erfahrung hat, denn wir hatten und haben in den neuen Bundesländern auch eine sehr hohe Jugendarbeitslosigkeit. Diese Erfahrungswerte wollen wir einbringen. Deutschland hat auch durch seine duale Berufsausbildung große Erfahrung. Wir werden uns mit diesem Thema also sehr intensiv befassen.

 

Meine Damen und Herren, nur ein starkes Europa kann sich mit seiner Art zu leben und zu arbeiten auch weltweit behaupten. Auch dafür sage ich danke. Die Welt verändert sich. Ich sage es immer wieder: Wir sind in Europa sieben Prozent der Weltbevölkerung, Deutschland hat etwas mehr als ein Prozent der Weltbevölkerung. Wir erbringen mit diesen sieben Prozent der Bevölkerung noch ungefähr 25 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung; und wir haben deutlich mehr als 40 Prozent der weltweiten Sozialleistungen. Es gilt dies nicht so zu erhalten. Wir sollten, und da meine ich insbesondere uns Deutsche, der Welt beweisen, dass wir noch weitaus mehr Sozialleistungen aufzubringen bereit sind, bei weiterhin hoffentlich abnehmender Wirtschaftsleistung. Wenn wir das erreichen wollen, dann müssen wir innovativ und wettbewerbsunfähig sein. Deshalb kommt es darauf an, dass die Bundesrepublik Deutschland nicht den Kopf in den Sand steckt, sondern sich den weltweiten Gegebenheiten endlich stellt. Ja zu Asylströmen, Ja zu noch mehr Migranten, Ja zum Austausch der gestrig denkenden Bevölkerung!

 

Ach ja, wenn Sie mich nicht wählen, ab 0,5 bzw. 1 Prozent gibt es trotzdem Geld – Wahlkampfkosten-Rückerstattung! Auch für diese Rede und das jedes Jahr.

Es heißt „Wenn die Guten nicht kämpfen, werden die Schlechten siegen.“ Warum, glauben Sie meine Damen und Herren, hindern wir Sie mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln am Kämpfen? Nur weil die Sonne der Kultur so tief steht, konnten Zwerge wie ich an die Macht. Von unserem System abweichende Meinungen werden wir immer unterdrücken, wenn Sie für Ihre wahre Freiheit wichtig sind. Denken Sie immer daran, wenn Sie in der Wahlkabine Ihr Kreuz machen. Übrigens, eins weiß ich noch, das Wahlergebnis steht schon fest, haben meine Marionettenpuppenspieler gerade geflüstert. So werde ich auch in Zukunft noch viele Reden halten, aber niemals mein Wort!

 

In diesem Sinne auf gute Zusammenarbeit und herzlichen Dank.

 

 

 

Anmerkung der Redaktion:

Für alle Leser, die es tatsächlich nicht bemerkt haben sollten (ja, auch die gibt es leider), diese „Rede“ ist fiktiv und als Satire zu verstehen.

 

Bei dieser Gelegenheit sollte auch an die „Bundestagsrede“ von Loriot erinnert werden. Kennt die noch jemand?

 

DIE BUNDESTAGSREDE ( von Loriot )
Meine Damen und Herren!
Politik bedeutet, und davon sollte man ausgehen, das ist doch, ohne darum herum zu reden, in Anbetracht der Situation, in der wir uns befinden. Ich kann meinen politischen Standpunkt in wenigen Worten zusammenfassen:
Erstens das Selbstverständnis unter der Voraussetzung, zweitens und das ist es was wir unseren Wählern schuldig sind, drittens die konzentrierte Beinhaltung als Kernstück eines zukunftweisenden Parteiprogramms.
Wer hat denn, und das muss vor diesem hohen Hause einmal unmissverständlich ausgesprochen werden. Auch die wirtschaftliche Entwicklung hat sich in keiner Weise, das kann auch von meinen Gegnern nicht bestritten werden, ohne zu verkennen, dass in Brüssel, in London die Ansicht herrscht, die Regierung der Bundesrepublik habe da und, meine Damen und Herren, warum auch nicht? Aber wo haben wir denn letzten Endes, ohne die Lage unnötig zuzuspitzen, da meine Damen und Herren liegt doch das Hauptproblem. Bitte denken Sie doch einmal an die Altersversorgung. Wer war es denn, der seit 15 Jahren, und wir wollen einmal davon absehen, dass niemand behaupten kann, als hätte sich damals, so geht es doch nun wirklich nicht.
Wir haben immer wieder darauf hingewiesen, dass die Fragen des Umweltschutzes, und ich bleibe dabei, wo kämen wir sonst hin, wo bliebe unsere Glaubwürdigkeit? Eins steht doch fest, und darüber gibt es keinen Zweifel, wer das vergisst, hat den Auftrag des Wählers nicht verstanden.

Die Lohn- und Preispolitik geht von der Voraussetzung aus, dass die mittelfristige Finanzplanung, und im Bereich der Steuerreform ist das schon immer von ausschlaggebender Bedeutung gewesen. Meine Damen und Herren, wir wollen nicht vergessen, draußen im Lande, und damit möchte ich schließen, hier und heute stellen sich die Fragen, und ich glaube, Sie stimmen mit mir überein, wenn ich sage, letzten Endes, wer wollte das bestreiten. Ich danke Ihnen.

 

 

Terra-Kurier / 30.7.2013