Nachstehend ein Leserbrief an die Redaktion des Terra-Kuriers zum Thema Völkermord, von Leser Holger K. aus B.:

 

Potosí, der vergessene Völkermord

 

In den heutigen bolivianischen Anden erhebt sich in einer Höhe zwischen 3976 und 4100 Meter über dem Meeresspiegel die Stadt Potosí.

Mit einer Bevölkerung von 168.448 Einwohnern (Stand 2010) ist sie die höchstgelegene Großstadt der Welt, der Name Potosí steht aber auch für eines der größten Verbrechen das jemals gegen die indianische Urbevölkerung Amerikas verübt wurde.

Der Name der Stadt selber kommt aus der alten Inkasprache Quechua und bedeutet „Lärm“.  Angesichts der Geschichte dieser Stadt durchaus ein passender Name.

 Luftbild Potosí  

Potosí heute

Die Stadt liegt am Fuße des Berges Cerro Rico (Reicher Berg), der in sich die größten Silbervorkommen der Welt beherbergt hat. Schon den Inkas war dieser Reichtum vor der Ankunft der spanischen Eroberer, im Jahre 1542, bekannt. Aus religiösen Gründen unterblieb jedoch der großräumige Abbau, da die Berggeister angeblich mit lautem Grollen dagegen protestiert hätten (Von diesem Ereignis leitet sich der Name Potosís ab). Ab dem 10 April 1545 übernahmen die Spanier die gezielte Ausbeute des Berges. Potosí entwickelte sich sehr schnell zur Hauptquelle von Spaniens kolonialem Reichtum.

Zwischen 1545 und 1825, dem Ende der spanischen Kolonialherrschaft in Südamerika, wurden in Potosí sage und schreibe 46.000 Tonnen Silber abgebaut. Diese Menge hätte genügt, um von Bolivien nach Spanien eine Fußgängerbrücke aus reinem Silber quer über den Atlantik zu errichten.

Der Silberreichtum Potosís deckte in der Kolonialzeit 25% des spanischen Staatshaushaltes und entsprach mehr als 50% der weltweiten Förderung. Die Förderung dieses gewaltigen Schatzes bereitete allerdings ein großes Problem. Es gab vor Ort nicht genügend Arbeits-kräfte. Die spanische Kolonialverwaltung versuchte es zunächst mit aus Afrika eingeführten schwarzen Sklaven. Diese aber brachen in der extrem dünnen Höhenluft Tod zusammen noch bevor sie überhaupt die Arbeit richtig aufgenommen hatten. Mit den dann aus anderen Tieflandregionen Südamerikas herbeigeschafften indianischen Zwangsarbeitern sah dies nicht anders aus. Schließlich ging man bei und führte ab 1572 (wurde noch bis 1812 praktiziert) ein perfides Zwangsarbeiterprogramm ein. Alle Bergdörfer, in den von den Spaniern kontrollierten Anden, wurden dazu gezwungen jeden 7ten männlichen Bewohner zur Arbeit in den Minen abzustellen. Da diese armen Menschen in der dünnen Höhenluft aufgewachsen waren, vertrugen sie die Verhältnisse besser als Flachlandbewohner. Trotzdem waren sie von Anfang an vom Tode gezeichnet.

Der seinerzeitige spanische Vizekönig von Peru, Graf Lemos erklärte im Jahre 1699 nach einem Besuch der Minen: „Wir verschiffen kein Silber nach Spanien, sondern Indianerblut und Indianerschweiß

Menschenrechtler gehen heute davon aus, dass zwischen 1545 und 1812 an die 8.000.000 Zwangsarbeiter ums Leben gekommen sind, darunter weit mehr als 6.000.000 indianische Ureinwohner. Der uruguayische Journalist und Menschenrechtsaktivist Eduardo Galeano geht alleine bei den ums Leben gekommenen indianischen Zwangsarbeiten von mehr als 8.000. 000 Toten aus. Von offizieller Seite werden diese Zahlen selbstverständlich in Frage gestellt und ins Reich der Legende verwiesen.

Die Arbeits- wie die Lebensbedingungen der Zwangsarbeiter waren auf dem untersten sozialen Niveau (Haus- und Hoftiere hatten es besser). Die hygienischen Verhältnisse waren schlichtweg katastrophal, im Jahre 1719 starben innerhalb von 10 Monaten 22000 Menschen an einer Typhusepidemie. Lebensmittel und Wasserversorgung waren nur unter größten Schwierigkeiten aufrecht zu erhalten. In dieser Hochgebirgszone gibt es kein Wachstum mehr. Selbst einfachste Grundnahrungsmittel mussten auf halsbrecherischen Bergpfaden aus tieferen Regionen heraufgeschafft werden. Das vor Ort vorhandene Trinkwasser war schon sehr bald nicht mehr genießbar, da es als Folge der gewaltigen Umweltzerstörungen durch den Bergbau verseucht war.

Ab Mitte des 19 Jahrhunderts war es mit dem Silberbergbau dann vorbei, seid dem wird in dieser Region verstärkt auch Zinn und Kupfer abgebaut.

Zwar gibt es heute in Potosí keine offizielle Zwangsarbeit mehr, aber die Arbeitsbedingungen sind kaum besser geworden. Die Bergarbeiter haben eine durchschnittliche Lebenserwartung von knapp 45 Jahren. Mehr als 10 Jahre hält kaum jemand die Arbeit in den Minen durch. Staublunge und ähnliche Krankheiten sind an der Tagesordnung, Gasmasken und Schutz-anzüge sind Fremdwörter Arbeitsschutz und Arbeitssicherheitsgesetzgebung im europäischen Sinne findet nicht statt. Die Kindersterblichkeit der Eingeborenenbevölkerung war und ist astronomisch. (Sie betrug noch bis in unsere Tage hinein mehr als 12% bei den unter 5jährigen)

Im Jahre 1987 erhob die UNESCO die kolonialen Prachtbauten im Stadtzentrum von Potosí zum Weltkulturerbe. An die Leiden der Ureinwohner und der afrikanischen Sklaven erinnert nichts.

 

Literaturtips.

Der Berg der Menschen frisst GEO Epoche: „Als Spanien die Welt beherrschte“ 2008 G+J Hamburg