Kennen Sie den den Glasjew-Plan?

 

Das Pentagon schäumt weiter vor Wut und wird noch eine Weile benötigen, um die neue militärische Lage in Syrien – und in den Lüften über Syrien – zu verdauen. Das wird die Verzweiflung noch erhöhen, die die US-Verantwortlichen gepackt hat. Sie wollten doch die strategische Partnerschaft zwischen China und Russland zerschlagen, koste es, was es wolle. Keine leichte Aufgabe, wo doch das Pentagon noch immer den Zweiten Weltkrieg austrägt und seine Waffen, Schiffe und gewaltigen Flugzeugträger leichte Ziele für Russlands neue Raketen sind.

 

Aber dann ist da ja auch noch Putins leise Botschaft an Washington. Sie musste Obama nicht einmal persönlich übermittelt werden, aber die amerikanischen Nachrichtendienste dürften sie dennoch mitbekommen haben, denn sie verfolgen und überwachen ja auch die russischen Medien aufmerksam.

 

Die Rede ist von dem Plan, den Präsidentschaftsberater Sergej Glasjew für Russlands unmittelbare wirtschaftliche Zukunft entwickelt hat. Der Plan wurde offiziell dem russischen Sicherheitsrat vorgelegt.

 

Glasjews Plan enthält mindestens drei zentrale Punkte, die man wie folgt zusammenfassen kann:

 

1.            Wenn sich der Trend fortsetzt und noch mehr Privatvermögen russischer Rechtsträger eingefroren werden, sollte Russland erwägen, den Schuldendienst gegenüber Krediten und Investitionen der an den Einfrieraktionen beteiligten Nationen ganz oder teilweise einzustellen.

2.            Die russische Föderation hat in der Gerichtsbarkeit der NATO-Mitglieder über 1200 Mrd. Dollar investiert, darunter kurzfristige Schulden in Höhe von etwa 800 Mrd. Dollar. Werden die eingefroren, könnte Russland das zumindest teilweise vergelten, indem es NATO-Vermögenswerte in Russland beschlagnahmt. Diese kommen auf einen Wert von 1100 Mrd. Dollar, darunter über 400 Mrd. Dollar langfristig angelegt. Diese Bedrohung wäre also neutralisiert, wenn die russischen Finanzbehörden rechtzeitig die kurzfristigen russischen Vermögenswerte aus den USA und der EU abziehen würden.

3.            Glasjew vertritt unerbittlich den Standpunkt, dass die russische Zentralbank noch immer die Interessen des ausländischen Kapitals vertritt – sprich, der Finanzmächte in London und New York. Er behauptet, die hohen Zinsen der russischen Zentralbank hätten russische Oligarchen dazu gebracht, sich billig im Westen Geld zu leihen. Damit sei die russische Wirtschaft in eine Abhängigkeit geraten – eine Schuldenfalle, mit deren Hilfe der Westen Russland langsam stranguliert. Der Westen führte dann einen Kollaps der Ölpreise und des Rubel-Kurses herbei. Die Zinsen verdoppelten sich, die Rückzahlung der Kredite setzte Russland noch weiter unter Druck.

Was also schlägt Glasjew vor? Im Grunde nichts anderes, als dass Moskau die vollständige Kontrolle über seine Zentralbank zurückerlangt und verhindert, dass Spekulanten ihr Kapital einfach hin- und herbewegen, ohne damit produktive Ziele zu verfolgen. Moskau soll zudem Währungskontrollen einführen und muss eine zentrale Einrichtung für Technologieforschung erschaffen, die den Verlust westlicher Technologie wettmacht. Es wäre eine Kopie des amerikanischen Ansatzes, wo diejenigen Technologien aus der zentralisierten militärischen Forschung kommerzialisiert werden, die auf dem Verbrauchermarkt gute Absatzmöglichkeiten bieten.

 

Russland hat den Zugang zu seinem westlichen Kredit verloren und kann nicht einfach umschulden, das ist Fakt. Russland wird also die fällig werdenden Kreditsummen und Zinsen zurückzahlen müssen. Wir sprechen über 1000 Mrd. Dollar plus Zinsen. Russland kann auch nichts aus dem Westen importieren, ohne den doppelten Preis dafür zu bezahlen. Man könnte also sagen, dass das Land jetzt in exakt derselben Lage ist, in der es sich befände, wenn Moskau Zahlungsunfähigkeit anmeldete. Insofern hätte Russland durch eine Insolvenz nichts zu verlieren, denn der Schaden ist bereits angerichtet.

Das System wird erschüttert

 

Auf höchster Ebene wird also erneut über die Möglichkeit diskutiert, dass Russland seine über 1000 Mrd. Dollar Schulden nicht zurückzahlt, mit denen man bei nicht-staatlichen westlichen Parteien in der Kreide steht. Immer vorausgesetzt, dass Washington seine Verteufelung Russlands weiter vorantreibt.

 

Dass Russland so unter Druck steht, hat natürlich weniger mit den Sanktionen zu tun als vielmehr mit dem Würgegriff, in den die westlichen Finanzmächte die russische Zentralbank genommen haben. Die russische Zentralbank erschuf eine Schuldenfalle, indem sie in Russland die Zinsen hochhielt, während der Westen Geld zu niedrigen Zinssätzen verlieh.

 

Selbstverständlich würde eine solche Insolvenz das gesamte Finanzsystem des Westens in die Knie zwingen. Man darf niemals das große Ganze aus den Augen verlieren: Die Syrien-Ukraine-Sanktionen-Saga verläuft zeitgleich mit der Annäherung von Russland und China und einer engeren Zusammenarbeit der BRICS-Staaten, die die geopolitischen Machtverhältnisse verschiebt. Für die US-Hochfinanz geht das natürlich überhaupt nicht.

 

China bereitet sein eigenes SWIFT-System zur Abwicklung von Finanztransaktionen vor und dann sind da noch zahlreiche neue internationale Institutionen, die unter chinesischer Führung und damit außerhalb der Kontrolle Amerikas stehen. Russland wiederum hat kürzlich ein Gesetz verabschiedet, demzufolge ausländische Vermögenswerte beschlagnahmt werden können, wenn der Westen russische Vermögenswerte beschlagnahmt.

 

Wie Glasjew sagte, sind die Investitionen Russlands im Westen in etwa so hoch wie die Investitionen des Westens in Russland.

 

Dieser Artikel orientiert sich im Wesentlichen an einem Aufsatz von Pepe Escobar, der erstmals bei info-Kopp-Verlag.de veröffentlicht wurde.

 

German von Lahr / Terra-Kurier – 24.10.2015