Erlebnisse eines Patienten

 

Von Achim Kurth

 

In bundesdeutschen Krankenhäusern geht alles geordnet und vollständig, durchgeplant zu und läuft vor allem nach vorgegebenen Mustern ab. Dafür hat unser Gesundheitssystem den weltweit guten Ruf. So, liebe Leser, dachte ich, denkt wahrscheinlich jeder. Jeder, bis er dieser Tage Mal in ein Krankenhaus muss. Vor 25 Jahren traf das auch genau so die Tatsachen.

 

Zuletzt vor 25 Jahren musste ich wegen einer Gallen-OP damals erste, aber noch durchaus positive Krankenhauserfahrungen sammeln. Aktuell war es eine Infektion der Harnwege, die mich erneut zum Sammeln veranlasste. Aber beginnen wir von vorn.

 

An einem Freitagnachmittag irgendwo in Berlin: Schüttelfrost, erhöhte Temperatur, Kopfschmerzen, nahezu ständiger Harndrang.

 

Sonnabend früh: Während der fast schlaflosen Nacht stieg das Fiber auf 38,6. Auf in ein Krankenhaus im Berliner Norden, um dort ambulante Hilfe zu erhalten.

 

Netter Empfang durch zwei Schwestern und eine junge Ärztin: Umfangreiche Untersuchung, hohes Fieber 39,4, starke Kopfschmerzen, Diagnose Infektion der Harnwege. Die Blutwerte sind besorgniserregend und es wäre unverantwortlich mich nach Hause zu lassen. Ich folge der Empfehlung für ein paar Tage im Krankenhaus zu verbleiben. Die Frage ob ich auf eine normale Station oder auf Komfort mit Zuzahlung möchte, beantworte ich fiebrig schnell aber nicht zu Ende durchdacht mit normal.

 

Die Ärztin ruft einen internen Transport, der mich auf die Urologie-Station bringen soll. Das funktioniert tatsächlich. Gefühlte 5 Minuten später ist der Mann da, findet mich auf Anhieb und fragt mich ob ich im Bett gefahren werden oder Laufen möchte. Da ich noch / oder wieder komplett angezogen war, entscheide ich Laufen. Daraufhin sagt der, nach einem Blick auf das Arbeitsbrett, das am Bett befestigt ist, wo noch vier meiner Blutproben stehen und eine kleine Akte mit „meinem Fall“ bereitliegt, dass er doch lieber fahren würde, da er ja sonst diese Dinge alle in der Hand tragen müsste. Die Fragezeichen in meinen fiebrigen Augen bemerkte er nicht und so fahren wir dann doch zur Station, die wir zu Fuß, wie ich später feststellte, sehr viel schneller erreicht hätten.

 

Auf der Station erwartete man mich bereits. Die Weiterleitung meiner Daten ist offenbar gut „gelaufen“. Da hatte wohl die künstliche Intelligenz des Hauses keine Berührungsängste.

 

Im Weiteren folgt jetzt eine Erzählung aller Ereignisse, die mich im Nachhinein nach Gesundung im Sessel zu Hause schmunzeln lassen, die vor Ort im Krankenhaus aber nachdenklich bis besorgniserregend waren. Auf die Details meiner Krankheit und ihrer Behandlung wird dabei verzichtet, um den Leser hier nicht zu langweilen.

 

·         Das Zimmer hat vier Betten. Man rollt mich auf den leeren Platz 2! Bett 1 war zu diesem Zeitpunkt mit Folie abgedeckt. Jeder der während meines gesamten Aufenthalts erstmalig ins Zimmer kam und zu mir wollte oder musste, suchte mich in Bett 1.

 

·         Visite Sonntagfrüh: 8.30 Uhr, auf dem Gang vor dem Zimmer hört man mehrere kraftvolle Schrittpaare. Wer marschiert dort? Es stürmen sieben Personen ins Zimmer, das damit eher einer Sardinenbüchse gleicht, als einem Krankenhauszimmer. Der Arzt selbst macht sich handschriftliche Notizen in einen Ausdruck zu jedem der Patienten. Ich frage mich in Gedanken wo ist seine Intelligenz, also die Künstliche und was machen die sechs anderen eigentlich hier, die ihm beim Schreiben zuschauen?

 

·         Einer meiner Bettnachbarn fragt während der Visite nach dem Termin für seine Reha-Maßnahme. Betretenes Schweigen bei den glorreichen Sieben. Welche Reha, lese ich aus den Gesichtern. Einer, nicht der Arzt selbst, sagt, dass er sich kümmern wird. Na ja, immerhin! Der Bettnachbar erzählt mir später, dass er seit einer Woche immer wieder nach diesem Termin fragt.

 

·         Die Verklebung des Venenzugangs löst sich permanent. Gibt es da keine besser klebenden Pflaster?

 

·         Da liegt man als Patient im Bett und denkt über alles Mögliche nach und überlegt natürlich auch, ob die sogenannten „Krankenhauskeime“ real sind. Wie aufs gedachte Stichwort kommt eine Putzkraft, männlich – warum auch nicht - ins Zimmer. Der Wischmopp, der bereits auf dem Gang kurz durchs Wasser gezogen wurde, huscht durchs Zimmer. Ecken kennt er nicht. Die Mülleimer im Zimmer und im Bad werden noch geleert und im Bad wird noch mit einem nassen Lappen … hoffentlich das Nötigste geputzt; ich konnte es nicht sehen. Zum Schluss noch kurz ein Gespräch, ein Witz oder ähnliches mit uns den Patienten, denn der Mann hat neben dem Putzdienst, für sich selbst auch die Rolle eines „Pausenclowns“ übernommen. Warum auch nicht – lachen ist / macht gesund. … Und die Keime lachen mit!

 

·         Die nächste Visite, montagfrüh: Nur noch fünf Personen stürmen unser Zimmer. Der Bettnachbar erfährt, dass die Reha-Klinik sich gemeldet hat, er wird morgen wie geplant abgeholt wird. Man hat wohl versäumt in seiner Akte den Termin zu notieren.
Na da war es ja gut, dass die Reha-Klinik offenbar geordnet geführt wird.

Während der gleichen Visite (8 Uhr), sagt man mir das meine Blutwerte wieder soweit hergestellt sind und ich WAHRSCHEINLICH wieder nach Hause darf.

 

·         Bereits zwei Stunden später, kommt die KH-Mitarbeiterin, um die Essenswünsche für den nächsten Tag zu notieren. Für mich nimmt sie nichts mehr auf, da ich bei ihr bereits aus dem Bestand gestrichen wurde.
Das freut mich, scheint ja mit der Entlassung zu klappen.

 

·         Nach einer weiteren Stunde kommt jemand mit dem Auftrag, mein Bett abzuholen. Scheinbar „wissend“ zieht sie lächelnd und ohne Bett wieder los. Für mich war das ein weiteres Signal Richtung Heimat zu dürfen. Ich begann mich anzuziehen und meine Sachen zu packen.

 

·         Inzwischen ist es nach 13 Uhr und ich warte auf meinen Entlassungsbericht. Kurz vor 15 Uhr entschließe ich mich im „Schwesternzimmer“ nachzufragen. Dort begrüßt man mich den Worten: „Warum sind Sie denn noch da? Den Venenzugang haben Sie ja auch noch, den entferne ich gleich Mal.“ Eine andere Pflegekraft geht in einen anderen Bereich des Krankenhauses um den Arzt nach meinem Bericht zu befragen. Arzt und Pflegekraft kommen aufgeregt zurück: „Da ist wohl etwas schiefgelaufen. Wir müssen noch einige Ergebnisse Ihrer Bluttests abwarten, die liegen noch nicht vor und Natriumchlorid erhalten Sie auch noch. Der Zugang muss leider wieder ran.“

 

·         Einer der Ärzte will wohl etwas wieder „gutmachen“ und legt mir selbst einen neuen Venenanschluss. Den ersten Anschluss hatte ich seit der Erstuntersuchung nahe der Armbeuge; jetzt sollte sein erster Versuch auf der linken Handfläche erfolgen. Akribisch wird die Hand untersucht und dann die Nadel angesetzt. Es war schon ein Loch in der Vene, als er feststellt, dass diese bereits nach 1cm verzweigt und somit für die Nadel nicht lang genug ist. Sein zweiter Versuch auf der rechten Handfläche funktioniert. Für einen Assistenzarzt wohl keine Meisterleistung. Wenn das der Oberarzt wüsste!

 

·         Zurück im Zimmer erzählt mir der „Reha-Bettnachbar“ zum Trost, dass er nun fast drei Wochen hier ist und in dieser Zeit immer wieder Patienten ihre Sachen packen durften und dann doch nochmal Verlängerung bekamen. Tatsächlich wohl mehrmals!

 

·         Am Abend wird der neue Venenzugang genutzt. An der Armbeuge des alten Anschlusses waren noch Pflasterränder. Ich bitte darum diese zu entfernen. Man kommt mit einer Creme und massiert mir diese in die Armbeuge ein. Ich musste zweimal erklären, dass erst der Pflasterrand zu entfernen ist. Man erklärte nicht so gut sehen zu können. Ich nahm den Alkoholtupfer, der für die obligatorische Thrombosespritze bestimmt war und reinigte meinen Arm selbst.

 

·         Nach zweimal Händewaschen lösen sich die Kleberänder des Venenzugangs. Die neue Verklebung hält gerade den Abend über.

 

·         Nichts Neues auch am Dienstag, meine endgültigen Ergebnisse sind noch immer nicht da.

 

·         Visite am Mittwoch bereits um 7.30 Uhr; nur noch drei KH-Mitarbeiter betreten unser Zimmer. Meine Werte sind jetzt komplett. Meiner Entlassung steht nichts im Wege. Ich sage, dass dies ja erst einmal ganz gut klingt und ich WÜRDE mich freuen, wenn es diesmal klappt. Bis auf den Arzt, grinsen alle wissend ohne ein weiteres Wort zu sagen.

 

·         Ein neuer Bettnachbar erzählt, dass er heute zur zweiten OP da ist. Als Notfall wurde er dazwischengeschoben. Vorbereitet wartet er auf Abholung.
Auch vor seiner ersten OP, vor zwei Wochen, hat er vorbereitet gewartet. Am Nachmittag kam irgendwann ein Arzt und fragte ihn wie die OP verlief und ob er alles gut überstanden hat. Er kam dann erst einen Tag später zur OP.

 

·         Gegen 11 Uhr und tatsächlich am Mittwoch, erhielt ich meinen Krankheitsbericht und durfte gehen. Der Venenzugang wurde noch entfernt. Ich hatte dann gerade das Gebäude verlassen und bemerkte nach 50 Metern, dass aus meiner Handfläche jede Menge Blut läuft. Läuft nicht nur tropft! Nochmal zurück und das Loch vom Venenzugang wurde erneut versorgt.

 

·         11.30 Uhr: Bloß raus hier!

 

So sitzt man wieder zu Hause und schmunzelt, fragt sich aber, ist das ein Einzelfall? Diese Einzelfälle schleichen sich ja heutzutage in nahezu jeden Lebensbereich ein! Oder ist die Situation aufgrund der vielen Reformen in den letzten 25 Jahren so dramatisch geworden, dass durch Einsparungen an den falschen Stellen in vielen Krankenhäusern nur noch Arbeit auf zweit- und gar drittklassigem Niveau möglich ist? Es muss endlich wirklich reformiert werden, sonst bleibt man in weiteren 25 Jahren vielleicht lieber krank daheim.