Gedanken zu Ladenöffnungszeiten   oder   Wann geht man Einkaufen?

Ein neuer Trend, der einen weiteren Schritt in den Abgrund des Landes bedeutet – sind die Ladenöffnungen speziell an Sonntagen. Als Spielverderber und ewige Bremser beschimpft, haben Kirchen und Gewerkschaften ihren Protest gegen die gelockerten Ladenschlusszeiten längst aufgegeben. Aber Resignation ist hier wir immer nicht der rechte Weg.

 

Eine Verfassungsbeschwerde wäre angebracht, denn „liberalisierte“ Ladenöffnungszeiten verstoßen gegen das von unseren Politikern so hoch angesehene Grundgesetz. Dennoch sind es gerade die Politversager des Landes, die ständig für Arbeit am Sonntag eintreten und dies durch „Arbeitssitzungen“ am Sonntag den Gutmenschen im Lande als richtig vorleben. Wenn die kein schönes zu Hause haben und ihre Familien „mit Füßen treten“ wollen, ist das deren Problem, das sie nicht zum Problem des Volkes machen dürfen.

 

Scheinbar sitzen in den Ämtern nur noch Wenige, die klar denken können, denn Genehmigungen für die neuerdings durch einige Bundesländer frei gestellten Ladenöffnungszeiten sind nur eine Formsache und in der Regel leicht zu erhalten. Den Ladeninhabern ist es somit völlig freigestellt zu entscheiden, wie lange sie ihre Geschäfte in der Woche öffnen. Dies ist mal wieder ein weiterer Schritt zum Abgrund durch die Aufgabe von traditioneller Abend- und insbesondere der Sonntagsruhe. In Berlin „dürfen“ / sollen nämlich sogar zehn Sonntage im Jahr Kunden bedient werden, darunter fällt die gesamte Adventszeit. Viele Nichtdenke freut das, denn endlich weniger Stress, mehr Freiheit, ein Ende der Bevormundung! Aber welche Freiheit ist es - und wessen Freiheit? Es gibt bei neutraler, wertfreier Überlegung mehr gute Gründe, sich gegen die Aushöhlung des Sonntagsschutzes und ein Einkaufen rundum die Uhr zu wehren.

 

Unbeachtlich sind Zweifel, ob längere Öffnungszeiten den Händlern höhere Gewinne bescheren (die Konsumenten können ihr Geld ja nur einmal ausgeben) - das ist das Risiko der Unternehmer. Die Sorge um den Schutz der Beschäftigten lässt sich dagegen nicht einfach wegwischen. Arbeitsplätze im Einzelhandel sind oft hart und dabei schlecht bezahlt; späte Schichten und Sonntagsarbeit werden zu besonderen Belastungen. Polizisten, Journalisten und Krankenschwestern und Ärzte arbeiten auch oft abends und sonntags - aber warum soll dies ein Argument dafür sein, dass mehr als 2,5 Millionen Beschäftigte im Einzelhandel ihr Los teilen sollen? Polizei, Feuerwehr und Krankenversorgung dienen dem Wohl, dem Schutz und der Notfallversorgung aller Bürger – dies ist lebensnotwendig. Einkaufen nach 19 oder 20 Uhr oder gar am Sonntag ist dies nicht. Akzeptiert werden können Bäcker und Blumenhändler, die am Sonntag, dann aber nur wenige Stunden geöffnet haben – auch dies dient nur der Versorgung der Bürger. Politiker und Unternehmer machen es sich zu leicht, wenn sie sagen, so seien eben die Zeiten, heute müsse man flexibel sein. Dann sollen die sich erst einmal darum kümmern, dass auch die Kindergärten länger geöffnet haben und so den Familien überhaupt erst eine Möglichkeit gegeben wird länger zu arbeiten. Da hätten wir dann noch eine Gruppe, Kindergartenpersonal, die länger arbeiten sollen und bald würden immer weitere Branchen folgen.

 

Viel besser wäre es, wenn anerkannt würde, dass sich ein Gemeinwesen Zeiten leisten sollte, in denen die Geschäftigkeit gebremst wird. Zeiten, die der „seelischen Erhebung" dienen, wie es so altmodisch schön im Grundgesetz heißt. Der Zeitgeist hat leider wenig übrig für kollektive Güter wie den Sonntagsschutz. Die Nöte der Beschäftigten lässt er vielleicht noch gelten, denn wenn der Gebrauch der Freiheit andere in Bedrängnis bringt, gibt es ein moralisches Problem, mindestens aber einen klaren Interessenkonflikt. Doch es gibt noch eine andere Frage, die mit dem Ladenschluss zusammenhängt. Es ist, etwas pathetisch gesagt, die Frage nach dem guten Leben und dem Wert der Gemeinschaft. Man braucht nicht unbedingt religiös zu sein, um den Schutz des Sonntags zu schätzen.

 

Viele Konsumenten versprechen sich von freien Öffnungszeiten ein entspanntes Einkaufen und weniger Hektik. Aber persönliche Besinnung und eine Zerstreuung, die sich nicht im Konsum erschöpft, sind bedroht, wenn der Trubel um einen herum nie Rast macht. Die Freigabe der Ladenschlusszeiten verändert die öffentliche Kultur negativ, deshalb lässt sie sich nicht mit dem Hinweis rechtfertigen, niemand sei gezwungen, nachts und sonntags einkaufen zu gehen. Allein das sonntägliche Kaffeetrinken bei Oma findet ohne Mutter statt - sie muss an der Kasse im Supermarkt stehen. Kein Wunder wenn man im nahen und mittleren Osten den Europäern vorwirft keine Kultur zu kennen bzw. diese zu verleugnen und mit Füßen zu treten.

 

Der Kern des Sonntagsschutzes ist unantastbar, hat das Bundesverfassungsgericht schon in 2006 in diesem Zusammenhang entschieden. Geändert hat dies nicht wirklich etwas im Denken der Politversagerkaste. Schon immer galt in Deutschland der Sonntag als arbeitsfrei, dies wurde auch in der Deutschen Verfassung von 1919 im Artikel 139 festgeschrieben: „Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt.“ Dieser Artikel gilt neben anderen im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland weiter (s. Artikel 140 GG). Warum aber bohrt die Bundesregierung vor diesem Hintergrund in Berlin bereits dicke Löcher in diesen Kern? Damit er nicht bald zerfällt, ist nicht nur die Hilfe der Richter nötig – auch die Bürger müssen sich darauf besinnen, wie wertvoll dieser Kern wirklich ist.

Verweigern Sie, liebe Leser, vor diesem Hintergrund wenigstens öfters mal den Sonntagseinkauf und zeigen den Einzelhändlern und Konsumketten die lange Nase.

 

JKS - Terra-Kurier / 12.02.2011