Der 11. April 1968 - Wenn Linke auf Linke schießen
oder Gedanken zu den Schüssen auf Rudi Dutsche

Betrachtet man die Entstehung der sogenannten 68er Szene und den Tot von Rudi Dutsche, einem der Redelsführer dieser Bewegung, muss man eigentlich bereits ins Jahr 1967 zurück. Zurück zum 2.6.1967 als Karl-Heinz Kurras, der Berliner Polizist, den Studenten Benno Ohnesorg erschoss. Kurras war als Stasi-Spitzel für die DDR-Regierung tätig, was erst im Mai 2009 ans Licht kam als er wegen seiner Tat vor Gericht gestellt wurde. Seine Gesinnung war so weit kommunistisch, dass die Russen ihn 1946 aus einem KZ mit Kriegsgefangenen schon nach wenigen Wochen wieder entließen. Mutmaßlich wurde er bereits damals als Agent angeworben. Warum er dies tat und damit sein Vaterland verraten hat, für das er noch wenige Monate zuvor zu allem entschlossen gekämpft hat und für das viele seiner Kameraden ihr Leben ließen, diese Frage stellt niemand.

 

In der Bundesrepublik Deutschland macht man sich in Politkreisen und damit in den Medien vielmehr darüber Gedanken, ob denn die linke Ideologie, die man vertritt und die über 40 Jahre gebraucht hat, um die derzeitige, oftmals Tatsachen verdrehende Machtstärke in Land und Medien zu erreichen, noch tragbar und erhaltenswert ist. Basiert sie doch im Wesentlichen nun auf einem Mord von einem Linken an einem anderen Linken. Aber es war ja Notwehr - dies wurde zweimal im Rechtsstaat Bundesrepublik Deutschland gerichtlich festgestellt. Aber hätte der „linke" Gesinnungsgenosse in Polizeiuniform nicht am ebenfalls „linken" Demonstranten vorbeischießen können? Nicht ein Vertreter des Verhassten Rechtstaates hat Ohnesorg erschossen, sondern jemand aus den eigenen Reihen.

 

In der Debatte um die Erschießung Benno Ohnesorgs geht es um die Haltbarkeit linker Lebenslügen. Karl-Heinz Kurras war Stasi-Agent, aber bisher ist unklar, ob die DDR-Führung die tödlichen Schüsse vom 2. Juni 1967 angeordnet hat. Die Argumente, die linke Wortführer in dieser Debatte anführen, lassen tief blicken.

Der Schock, den die Enthüllung über den Ohnesorg-Schützen Karl-Heinz Kurras in Teilen der Linken ausgelöst hat – zumal bei Veteranen von 1968 –, hat Anflüge von Hysterie angenommen.

 

Jedenfalls sind die Vertreter linker Gruppierungen, auch die innerhalb der jetzt systemrelevanten Parteien wie Die Linke, SPD, und auch entsprechende Flügel der CDU, derzeit in heller Aufruhe, da man ja nun eine Symbolfigur verliert, auf dessen Tod die gesamte politische Weltanschauung aufgebaut war. Eine Ideologie, die durch eine Identifizierung der damaligen Bundesrepublik mit "Faschismus" und Terrorismus als Widerstand dagegen, aufgebaut wurde. Alte „,68er“, Gründer der Apo (Apo = Außerparlamentarische Opposition; so nannte man sich damals großkotzig, um Basisdemokratie vorzutäuschen), sinnieren derzeit darüber, ob es noch Aufrecht erhalten werden kann, Ohnesorg als Symbolfigur und Märtyrer der Bewegung zu stilisieren. Denn es war der Tod von Benno Ohnesorg, der die bis dahin immer noch relativ isolierten studentischen Gruppen auf einer Massenbasis vereinte. „Und wie bitter nötig hatten wir die Opfer in unseren Reihen!“, urteilte später Frank Böckelmann, Gründungsmitglied der Kommune 1 und der Soziologe Detlev Claussen, ehemaliges SDS-Mitglied, beschrieb die plötzliche Veränderung der Atmosphäre mit den Worten: „Du bist am Morgen nach Ohnesorgs Erschießung aufgewacht und es sind plötzlich ganz viele Menschen, die du noch nie gesehen hast, da. Das hat auch irgendwo diesen euphorischen Funken gesetzt.“ „Der „euphorische Funken“, so Claussen weiter, „erzeugte eigentlich erst die "Bewegung“. Eine Bewegung, die auf Eskalation drängte, und nachdem Kurras seinerzeit vor Gericht gestellt, aber freigesprochen worden war, fragte Rudi Dutschke rhetorisch, was denn noch passieren müsse, bevor man „zur radikalen Tat“ schreite.

 

Den Agitatoren war der Tod Ohnesorgs enorm hilfreich, sprich: Die Legende, die sich um ihn spinnen ließ. Die spontane Solidarisierung Zigtausender „normaler“ Studenten mit linksradikalen Gruppen, die offen für den Sturz der Demokratie (Dutschke sprach von „Machtergreifung“) agitierten, die war nur durch den Ohnesorg-Mythos möglich gewesen.

Es ist angesichts dessen verständlich, dass heute ein paar nachdenkliche 68er-Veteranen meinen, die Gesamtentwicklung hätte einen anderen Verlauf genommen, falls das Doppelleben von Kurras damals schon bekannt geworden wäre.

 

Man kann darüber endlos Mutmaßungen anstellen, ändern kann man dadurch an den derzeitigen Verhältnissen im Lande allerdings nichts.

 

Dennoch entbehrt es nicht einer gewissen Schadensfreude, wenn sich in diesen Tagen die 68er und deren Nachfolger, die Alternativen, die Grünen, die Feministinnen, die Ökos und Spontis, die den „wild gewordenen Kleinbürgern á la Kurras“ so gern die Stirn bieten, die Frage nach ihrer Existenzberechtigung stellen und über den Sinn ihrer „linken“ Gesinnung nachdenken. Es ist das Denken, wenn es auch spät einsetzt, das man diesen Leuten jetzt anrechnen sollte. Am Ende wurde die ganze Bewegung auch nur „gelinkt“ (also belogen). Gelinkt von jenen Leuten die den Kommunismus inzwischen nur noch als Auslaufmodell sehen und ihn weltweit (Neusprech: global) abschaffen.

 

Aber vermutlich wird die „Bewegung“ bald aus Ihrer Selbstfindungslethargie herausfinden und so weiter machen wie bisher.

 

Vielleicht stellt sich jemand aus diesen Reihen aber auch weitere Fragen. Weitere Fragen nach einem versuchten Mordanschlag auf einen Wortführer dieser 68er-Studentenbewegung. Fragen zum Attentat vom 11. April 1968. Zum Attentat auf Rudi Dutschke.

 

Schließlich war es Dutschke, der nach Tod von Benno Ohnesorg auch zu bundesweiten Sitzblockaden aufrief, um die Todesumstände detailliert aufklären zu lassen. Zu dem forderte er gemeinsam mit Vertretern des von ihm gegründeten SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund) den Rücktritt der Verantwortlichen für den Polizeieinsatz. Auch wurde die Enteignung des Verlegers Axel Springer gefordert, da der SDS die kampagnenartige Berichterstattung der Studentenunruhen in den Zeitungen des Verlages für Ohnesorgs Tod mitverantwortlich machte.

 

Sein Auftreten polarisierte die Öffentlichkeit; er erfuhr zunehmend auch Ablehnung und Hass. Die Zeitungen des Springerverlags und viele Regionalzeitungen setzten ihn - wie die 68er insgesamt, als deren Symbolfigur er nun galt - u. a. mit Hinweisen auf sein „ungepflegtes Äußeres“ und seine DDR-Herkunft herab. Als er bei einem „Go-in“ im Weihnachtsgottesdienst 1967 der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche versuchte, eine Diskussion über den Vietnamkrieg herbeizuführen, schlug ein wütender Gottesdienstbesucher ihn nieder und verletzte ihn. Zum eigentlichen Attentat mit Spätfolgen kam es dann am 11.4.1968. Am 11. April 1968 schoss der junge Hilfsarbeiter Josef Bachmann vor dem SDS-Büro am Kurfürstendamm dreimal auf Dutschke. Er traf ihn zweimal in den Kopf, einmal in die linke Schulter. Dutschke erlitt lebensgefährliche Gehirnverletzungen und überlebte nur knapp nach einer mehrstündigen Operation.

 

Viele Studenten machten die Springerpresse für das Attentat verantwortlich, da diese zuvor monatelang gegen Dutschke und die demonstrierenden Studenten agitiert hatte. Die „Bild“ schrieb z. B. am 7. Februar 1968: „Man darf auch nicht die ganze Dreckarbeit der Polizei und ihren Wasserwerfern überlassen.“ Sie rief Tage vor dem Attentat zum „Ergreifen“ der „Rädelsführer“ auf.

 

Rudi Dutschke eignete sich Sprache und Gedächtnis in monatelanger Sprachtherapie mühsam wieder an, hatte dann aber nicht mehr die Gewichtung innerhalb der Bewegung. Josef Bachmann wurde wegen versuchten Mordes zu sieben Jahren Haft verurteilt. Dutschke nahm brieflich Kontakt mit ihm auf, erklärte ihm, er habe keinen persönlichen Groll gegen ihn und versuchte, ihm ein sozialistisches Engagement nahe zubringen. Bachmann beging jedoch am 24. Februar 1970 im Gefängnis Selbstmord. (!?)

 

Die Beweggründe Bachmanns sind seinerzeit nie ermittelt oder intensiv hinterfragt worden. Man hatte den Täter und fertig.

War auch er unter Umständen im Auftrag anderer in Aktion getreten?

 

Einigen in der damaligen Studentenbewegung muss Rudi Dutschke jedenfalls mehr als nur ein Dorn im Auge gewesen sein. Aufgrund der langen Genesung Dutschkes nach dem Attentat zerfiel die von ihm gegründete SDS, die stets für gewalt- und terrorfreie Demonstrationen eintrat und Anschlagspläne auf Diktatoren ebenso wie Terror gegen die Bundesrepublik Deutschland abgelehnt hat. Auch die Begründung Dutschkes für die Verweigerung seines Wehrdienstes in der Nationalen Volksarmee (dies war 1957 tatsächlich möglich), dass er nicht auf Landsleute schießen wollte und sich zur Wiedervereinigung Deutschlands bekannte, musste seinerzeit für „eingefleischte Linke“ (heute in politischen Ämtern Agierende) eher abschreckend gewirkt haben. Hatte er doch offenbar andere Ideen und Ziele, als die „68er“ Drahtzieher und angeblichen Gesinnungsgenossen.

 

Rudi Dutschke starb am 24. Dezember 1979 an den Spätfolgen des Attentats.

Ein Brief Rudi Dutschkes an seine Frau Gretchen belegt auch die Angst des Studentenführers, Opfer eines Attentats der Stasi zu werden. Er hinterließ das Schreiben mit der Auflage, es erst nach seinem Tod zu öffnen.

 

Wäre die SDS damals nicht zerfallen, hätte sich unter Umständen die RAF (Rote Armee Fraktion) niemals gegründet und hätte ihre Terrormorde in der Bundesrepublik Deutschland (egal in wessen Auftrag) niemals begehen können.

 

Auch darüber sollten „die gelinkten Linken“ in diesen Tagen einmal nachdenken.

 

 

Linke im Gesinnungsnotstand

Damals als Benno Ohnesorg erschossen wurde und die 68er-Bewegung kurze Zeit später damit ihren Anfang nahm, demonstrierten die Studenten gegen den Berlin Besuch des Persischen Schah, Mohammad Reza Schah Pahlavi. Das Regime in Persien galt damals als US-unterstützt und war deshalb im Visier der Demonstranten. „Freiheit für die Teheraner Uni“, war seinerzeit einer der Sprüche auf den Demonstrationstransparenten. Auch die Forderung „Amis raus aus Vietnam“, war damals eine Forderung dieser Bewegung. Es ging also immer gegen die kriegstreibende Politik der USA.

 

Diese US-Politik hat sich seitdem allerdings nicht verändert und dennoch sind die 68er, die heute die politischen Ämter in der Bundesrepublik Deutschland bekleiden, heute für die US-Kriege und entsenden gar Deutsche Bundeswehrsoldaten für Vasallendienste in die Kriegsgebiete, die von den USA angezettelt und geschürt werden. Der nun tatsächlich befreite Iran (vormals Persien) gilt weiterhin als Feindbild, obwohl dort wahrlich kein US-Einfluss mehr stattfindet.

 

Schon vor diesem Hintergrund müssten diese 68er jeden Spiegel meiden. Ich könnte mir jedenfalls nicht ins Gesicht sehen, wenn ich täglich meine einstigen Ideale verleugnen und mit Füßen treten würde. Aber genau hier ist wahrscheinlich das Problem zu suchen, das diese Damen und Herren jetzt für sich selbst endlich erkannt haben. Auf der einen Seite leugnen sie Tag ein Tag aus ihre Ideale und dienen sich dem einstigen „Feind“, den USA, an und auf der anderen Seite verlieren sie gerade auch noch ihre selbst gemachten Idole, weil diese stilisierten Helden, von der Stasi, also von fast gleich gesinnten BRD-Hassern, hingerichtet, ermordet und meinethalben auch nur getötet wurden. Linke unter sich.

 

Aber was haben diese Damen und Herren nicht schon alles weggesteckt. Erinnern Sie sich an 1972. Brandts Bestätigung im Bundestag war von der Stasi gekauft. Dennoch ist der Tag im Jahre 1972 bis heute eine gefeierte „Sternstunde der Demokratie“. Oder die Friedensbewegung. Galt sie nicht als ein strahlendes Beispiel für bürgerschaftliches Engagement gegen einen repressiven Staat unter der Fuchtel der Rüstungslobby? So steht sie noch immer da, selbst nachdem nunmehr längst öffentlich ist, dass Stasi-Agenten dort nicht nur überall mitredeten, sondern auch das große Wort führten. Finanziell ließ sich die DDR-Regierung ebenfalls nicht lumpen bei der Fütterung der Friedensfreunde hinter dem Antifaschistischen Schutzwall.

 

Aufstand für Geld? – Die 68er verlieren immer mehr an Ansehen

Die Wahrheit kommt immer ans Licht. Manchmal dauert es eben nur etwas länger. Schon 2009 ging diese Meldung durch die alternativen Medien:
Mancher Zeitgenosse in den „68er“ Reihen hat sich wahrscheinlich schon gefreut und nicht mehr mit einer Aufdeckung gerechnet. Aber im Zuge der Ermittlungen gegen den DDR-Agenten Kurras kommen weitere Dinge ans Licht, für die manche schon alle Kerzen als für immer erloschen dachten.

 

So soll es für die Inszenierung der Studentenrevolte, die dann zum Tode von Benno Ohnesorg führte, nicht nur aus Stasi-Kreisen Unterstützung gegeben haben. So sollen 50.000 bis 100.000 DM geflossen sein. Woher wir das wissen? Von Manfred Bissinger. Oder von Peter Schneider, wobei Schriftsteller Schneider eine weitaus unterhaltsamere Version anbietet als Journalist Bissinger.

 

Anno 1967 will der damalige Apo-Revoluzzer Peter Schneider von „Spiegel“-Herausgeber Rudolf Augstein 50.000 DM erhalten haben, um Rudi Dutschke und Genossen für den Kampf gegen den Springer-Verlag aufzurüsten. Das Geld habe Augstein aus der Hosentasche gezogen, zwei in Gummibänder gefasste Bündel.
Wem diese Art der Geldübergabe zu sehr an in der Unterwelt vorkommende Machenschaften erinnert, für den gibt es noch eine andere Variante. Danach hat Manfred Bissinger, damals „Stern“-Reporter, von Augstein und dem damaligen „Zeit“-Verleger Gerd Bucerius zwei Schecks über je 50.000 Mark bekommen haben, die er (auch für den Kampf gegen Konkurrent und Klassenfeind Springer) auftragsgemäß an Dutschkes „Sozialistischen Deutschen Studentenbund“ (SDS) weitergeleitet hat. Als im Jahr darauf die Früchte der roten Investition aufgingen und bei Springer die Scheiben klirrten und Lieferwagen in Flammen aufgingen, wollten die edlen Spender mit dem Veitstanz nichts mehr zu tun haben.

 

Für die ohnehin reichlich verunsicherten „68er“ ist diese jüngste Enthüllung nach der Kurras-Geschichte der nächste Treffer. Die bekannte Ideologie gerät zunehmend ins wanken, da das Fundament durch immer neue Enthüllungen völlig wegbricht und der von vielen als stabiler Bau empfundene Zusammenhalt nunmehr stark bröckelt.

 

Aufstand für Geld? Revolution mit Kontonummer? Auch eine Art Spendensumpf, den labile, nicht belastbare Linke nicht einfach wegstecken können. Sind sie es doch sonst, die den moralischen Ankläger auf der Politbühne geben.

 

Man fragt sich, was wohl noch alles kommt? Gibt es eigentlich irgendwas Bleibendes, etwas Eigenes an den Linken, etwas was nicht fremd gesteuert ist?

Frank Jeske - Terra-Kurier / 11.04.2018

 

 

Nachsatz: Der Begriff „Linke“ ist hier nur als Begriff für die Nachfolger der Studentenbewegung gemeint und gilt in keiner Weise abwertend, noch dazu vor dem Hintergrund, dass diese Leute sich ja auch selbst als Linke bezeichnen. Grundsätzlich gilt im Terra-Kurier noch immer, dass eine politische Unterscheidung zwischen sogenannten Linken und Rechten unterbleiben sollte, denn diese Unterscheidung wurde von den Feinden einer wahren Demokratie erfunden, in der Absicht, die Menschen im Inneren zu spalten, um sie damit besser zu beherrschen. Wollen Sie beherrscht werden? Echte Demokratie kommt ohne Parteien aus.

 

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