Gedanken über die letzten großen Bankiers und zur Ermordung von Alfred Herrhausen

Von Achim Kurth

 

Während man heute allgemein nur noch vom „Banker“ spricht und damit eher abwertend diesen englischen Begriff, für den an sich ehrenwerten Beruf des Bankkaufmannes verwendet, gab es noch bis in die 1990er Jahre hinein, die Bezeichnung „Bankier“.

 

Der „Banker“, ursprünglich im eher undurchsichtigen Geschäft des „Investmentbanking“ im angloamerikanischen Bereich tätig, ist erst seit den Skandalen um Banken der letzten Jahre allgemein für die gesamte Branche als Berufsbezeichnung in Gebrauch. Der Begriff des „Bankiers“ ist nahezu vollständig verdrängt worden. Dabei handelt es sich bei einem Bankier um den Inhaber eines Bankhauses als Privatbankier oder einen Geschäftsführer bzw. Vorstand einer Großbank, der stets im Interesse der Bankkunden handelt und die Mitarbeiter ebenfalls anständig führt. Eigenschaften die heutigen Bankchefs tatsächlich fehlen.

 

Ein Bankier zeichnet sich also durch ein eigentlich vernunftgegebenes Verhalten aus, ein Verhalten das man heute in der Branche nahezu vollständig vermisst und deshalb der Begriff des „Banker“ jetzt abwertend verwendet wird.

 

Wann und wo gab es denn noch herausragende Bankiers? Bis in die 1990er Jahre hinein gab es die eigentlich noch bei allen bekannten Banken. Schauen wir uns mal beispielsweise die Deutsche Bank AG an. Für andere Banken muss ein anderer Autor an anderer Stelle gegebenenfalls ein Wort finden.

 

Kürzlich las ich irgendwo, dass Hermann J. Abs als jüdischer Zionist ein Banker von Adenauer war und die Deutsche Bank eine Rothschild-Bank ist. - Völliger, haarsträubender Unsinn!

 

Hermann Josef Abs war mit Sicherheit nicht der Banker (den Begriff gab es damals schon mal noch gar nicht) von Adenauer und die Deutsche Bank war und ist alles andere als eine Rothschild Bank. Abs war vielmehr einer der letzten, großen Bankiers, der stets versuchte im Sinne Deutschlands zu handeln. Nicht ohne Grund war er schon Vorstand in der Zeit von 1938-1945. Sicherlich ja, er war es auch nach dem Krieg in der zerschlagenen Deutschen Bank-Teilbank, aber er war niemals ein Lakai der Hochfinanz und die Behauptung er sei „jüdischer Zionist“ gewesen entbehrt jeglicher Grundlage. Die Deutsche Bank versuchte schon immer einen eigenen Weg zu gehen, was ihr auch heute noch regelmäßig Kritik der Systemmedien einbringt.

 

Richtig ist vielmehr, dass Hermann Josef Abs, im Rahmen seiner Tätigkeit als einer der führenden Bankiers Deutschlands und Aufsichtsratsmitglied in über 40 Banken und Industriekonzernen im In- und Ausland, intensive Geschäftsbeziehungen zur Spitze des OKW-Amtes Ausland/Abwehr pflegte. Ein besonders enger Kontakt bestand zum Chef der Abteilung I (Geheimer Meldedienst zuständig für Auslandsspionage und Nachrichtenbeschaffung), Oberst Hans Piekenbrock. Dieser Kontakt gestaltete sich zum gegenseitigen Vorteil, denn Abs war sowohl als Agent der Abwehr als auch als deren Auftraggeber tätig. Nach dem Krieg wurde er 1955 zum Ritter des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem ernannt und von 1971 bis 1985 war er Statthalter der Deutschen Statthalterei des Ritterordens. 1993 gründete er zusammen mit Helmut Schmidt, Michael Otto und Gerd Bucerius die Deutsche Nationalstiftung. Die Stiftung will das Zusammenwachsen Deutschlands fördern. Sie will die nationale Identität der Deutschen bewusst machen und die Idee der deutschen Nation als Teil eines vereinten Europas stärken.

 

Als Hermann Josef Abs dann 1967 in den Aufsichtsrat der Bank wechselte (dort blieb er bis zu seinem Tode 1994) waren zunächst Karl Klasen, Franz Heinrich Ulrich, Friedrich Wilhelm Christians und Wilfried Guth - jeder für sich eine herausragende Persönlichkeit, also auch Bankiers - jeweils für einige Jahre Vorstandsprecher der Deutschen Bank. Erst 1969 wurde Dr. Alfred Herrhausen von Friedrich Wilhelm Christians zur Deutschen Bank geholt. Dort berief man ihn, der schon vor seinem Eintritt in die Bank auch mit Abs bekannt war, 1970 zum stellvertretenden und 1971 zum ordentlichen Vorstandsmitglied. Im Mai 1985 wurde Alfred Herrhausen neben Christians einer von zwei Sprechern des Vorstands. Am 11. Mai 1988 rückte er zum alleinigen Vorstandssprecher / Vorstandsvorsitzenden auf. Herrhausen betrieb von da an den Umbau der Konzernstrukturen der Deutschen Bank mit Nachdruck und machte die Bank zum bis heute unumstrittenen „Branchenprimus“ in Deutschland. Schwerpunkte lagen auf einem konsequenten Allfinanzkonzept und der Internationalisierung des Konzerns. Hierzu gehörten die Gründung der Deutsche Bank Bauspar AG und der Deutsche Bank Lebensversicherungs AG sowie die Übernahme der britischen Investmentbank Morgan Grenfell. Dies auch um der Bank eine Größe zu verleihen, die eine feindliche Übernahme nahezu ausschließen sollte. Eine Politik, die zum Teil auch von seinen Nachfolgern noch fortgeführt wurde.

 

Dr. Alfred Herrhausen, auch ein Bankier wie man sich ihn heute noch wünscht und leider nicht mehr findet, hat den Führungsstil von Abs und dessen Nachfolgern nahtlos übernommen und war bis zu seiner Ermordung 1989 stets beliebt. Als Vorstand bei den Mitarbeitern beliebt zu sein, hat nach ihm niemals jemand wieder erreicht.

 

Die an der Hochfinanz orientierte Finanzpolitik setzte in der Deutschen Bank erst Anfang der 1990er Jahre ein und gipfelte dann sicherlich darin, dass ein „Grünspan“ (oder heißt er Greenspan) plötzlich ein Büro in den Frankfurter Bank-Hochhaustürmen bekam, ohne jegliche offizielle Beziehung und ohne Angestelltenverhältnis. Der sollte von da an sicherlich den Vorstand „beeinflussen“. Aber mindestens bis 1990 hat die Deutsche Bank immer eine eigene Finanzpolitik entwickelt, die ja auch zur Ermordung von Alfred Herrhausen führte. Alfred Herrhausen wurde am 30.1.1930 in Essen geboren und war seinerzeit einer der letzten die noch eine Nationalpolitische Lehranstalt (Napola) besuchen konnten. Er wurde nur 59 Jahre alt. Wäre er nicht ermordet worden, hätte er heute mit Sicherheit eine ähnliche Ehrenrolle wie sie Hermann Josef Abs innehatte und die Welt wäre mit noch größerer Sicherheit eine sehr viel bessere!

 

Ich hatte die Ehre die beiden Herren, Hermann Josef Abs und Alfred Herrhausen persönlich gekannt und – wenn auch nur kurz – mit ihnen gesprochen zu haben. Hochanständige Menschen mit hoher, positiver Ausstrahlung und Intelligenz, Menschen wie man sie heute nur noch sehr sehr selten findet!

 

Eine der Ursachen für den Mord an Dr. Alfred Herrhausen ist sicherlich auch seine Ankündigung zum Schuldenerlass der Dritte Welt-Länder, aber der Hauptgrund war wohl seine geplante Rede, die er am 4. Dezember 1989 in New York vor dem „American Council on Germany" (ACG) vortragen wollte. Sie ist der Schlüssel zu seiner Ermordung, denn in diesem ungehaltenen Vortrag wollte Alfred Herrhausen seine weitreichenden Gedanken für eine grundsätzliche Neugestaltung des Ost-West-Verhältnisses darlegen, die den Lauf der Geschichte nach 1989 dramatisch aber positiv in eine andere Richtung gelenkt hätte. Blicken wir auf den Herbst 1989 zurück! Erinnern wir uns an den Mauerfall vom 9. November in Berlin. Dieses Ereignis traf die Kohlregierung relativ unvorbereitet. Die Ereignisse in der DDR traf sie wie der sprichwörtliche "Blitz aus heiterem Himmel"! Aber dennoch hat am 28. November 1989 Helmut Kohl sein 10-Punkte-Programm vorgelegt. Das sah die Bildung einer Konföderation der beiden deutschen Staaten vor. Souverän insofern, als er sein Programm ohne Unterrichtung der Alliierten und ohne Wissen der Koalitionspartei FDP ausgearbeitet und veröffentlicht hat. War der zwei Tage später, also am 30. November 1989 erfolgte Mordanschlag auf Alfred Herrhausen auch ein Warnzeichen für Helmut Kohl? Angeblich wurde der Mord von der sogenannten „Dritten Generation der RAF“ (Rote Armee Fraktion) durchgeführt. Diese RAF-Generation wurde in einer ARD-Sendung auch als „Phantom“ bezeichnet. Später trat dieses Phantom noch einmal in Erscheinung: bei der Ermordung Rohwedders. Dann verschwand es aus den schon damals in großen Teilen gleichgeschalteten Medien. Man hörte nichts mehr von der RAF. Angeblich hat sie sich mit einem Brief in der Öffentlichkeit verabschiedet.

 



Der Mord an Alfred Herrhausen, der eine Vision für die historische Situation zu äußern wagte, war in der Tat die Botschaft der Hochfinanz an Regierung und Industrie. Keiner wagte mehr den Kopf vorzustrecken. Nach den Mördern traten jetzt wieder die Wirtschaftsattentäter auf den Plan, die den wirtschaftlichen Kahlschlag des Ostens zugunsten der Spekulanten der Finanzoligarchie propagierten und das ganze Reform nannten. Noch im Dezember 1989 erlebte Helmut Kohl die schwärzesten Stunden seines Lebens beim EU-Gipfel in Straßburg, wo er meinte, sich dem Diktat der Finanzoligarchie in der Form der vorgezogenen europäischen Währungsunion unterwerfen zu müssen. Maastrichter Vertrag, Stabilitätspakt, Euro statt D-Mark und wirtschaftlicher Kahlschlag für die neuen Bundesländer waren die Folge. Wie Detlef Rohwedder, 1. Treuhand-Chef, wollte er die DDR nicht abwickeln wie es von ihm durch die Hochfinanz erwartet wurde.

 

 

 

Dieser Detlef Rohwedder war ein weiterer Mensch, der sich eigenverantwortliche Gedanken um die Zukunft unseres Landes machte. Deshalb auch seine Ermordung! Auch er hatte weitreichende Visionen im Interesse Deutschlands entwickelt. Als führender Industrievertreter und erster Chef der Treuhand war er damit betraut, die sogenannten Volkseigenen Betriebe der DDR in die deutsche Wirtschaft einzugliedern. Es dauerte eine Weile, aber 1990/91 kam er dahinter, dass selbst die durchaus noch nützlichen Industriebetriebe einfach platt gemacht werden sollten, um so den West-Konzernen Konkurrenz vom Halse zu schaffen. Er kam schließlich zu dem Schluss, dass die rücksichtslose Privatisierung einiger durchaus überlebensfähigen DDR-Industrien nicht akzeptable soziale Folgen hätte. Er erlaubte sich gegen den Strom zu schwimmen und wollte zu Beginn des Jahres 1991 das Treuhandkonzept „Erst Sanierung, dann Privatisierung“ ändern. Immer unter dem Aspekt der sozialen Folgen. Der Mann wagte doch tatsächlich die Interessen der Großfinanz zu unterlaufen. Das war der Zeitpunkt, wo sich das RAF-Phantom wieder zu Wort meldete. Detlef Rohwedder wurde mit einem Gewehr, von der Grundstückgrenze seines Eigenheimes aus, durchs Fenster in seinem Arbeitszimmer erschossen.

 

Aufgeklärt wurden bis heute beide Morde, Herrhausens und Rohwedders, nicht.

 

Rohwedders Nachfolgerin bei der Treuhand, Birgit Breuel, hatte keine solchen Skrupel wie er. Unter ihrer Leitung nahm dann die rigorose Privatisierung, der Ausverkauf der DDR, ihren freien Lauf.

 

Warum mussten diese beiden Männer sterben? Waren sie die Symbolfiguren der faschistischen Kapitalstruktur, von der die RAF in ihrem angeblichen Bekennerschreiben zur Herrhausen-Ermordung spricht? Im Gegenteil: Beide begingen gegenüber dem System der Finanzoligarchie die Todsünde, moralische Bedenken wegen der Folgen dieser Politik zu äußern.

 

So hatte Alfred Herrhausen bereits 1987 zum Ausdruck gebracht, die Schuldenkrise der Dritten Welt vertrage kein Schweigen mehr. Ein Gespräch mit Präsident Miguel de la Madrid in Mexiko über die Schuldenkrise der Entwicklungsländer hatte ihn zutiefst betroffen gemacht, und er begann über einen teilweisen Schuldenerlass nachzudenken. Auch auf den evangelischen Kirchentagen hatte man damals darüber diskutiert, warum die internationalen Banken bis 1987 den halb- oder unterentwickelten Staaten die gigantische Summe von 1,2 Billionen Dollar an Krediten zur Verfügung gestellt hatten, während sie sonst knallhart Kreditlinien sperrten und die Häuser kleiner Leute versteigern ließen. Die Pläne der Hochfinanz, hierbei gesteuert von Weltbank und IWF (Internationaler Währungsfond), hatten wie noch heute den Inhalt die Entwicklungsländer in die Schuldenfalle zu locken, um sie dann um so gnadenloser ausbeuten zu können.

 

Ein mit Herrhausen befreundeter katholischer Priester berichtete, dass der Bankier der Meinung war, dass ein System zu verurteilen ist, wenn es einigen wenigen gestatte sehr hohe Vermögen aus der Wirtschaft zu entnehmen, wobei gleichzeitig unzählige Menschen in's Elend absacken. Intensiv habe sich Herrhausen mit dem Gedanken auseinandergesetzt, dass er vielleicht mit seiner Bankiers-Arbeit etwas unterstütze, was er nicht befürworten kann und auch nicht unterstützen will und erst recht nicht darf. Dies kam so auch in einer Fernsehsendung kurz vor seiner Ermordung zur Sprache! Mit diesen Ansichten und Einstellungen leistetet sich der Bankier gegenüber der Finanzoligarchie eine Todsünde, die seine Mörder in Marsch setzte. Er hatte dummerweise die Idee, dass selbst die Wirtschaft und das Geldwesen in der Tat sogar etwas mit Moral und einem höheren Menschenbild zu tun haben könnte und müsste.

 

SL02-Alfred-Herrhausen-150x150Als Herrhausen am 28. November 1989 dem Vorstand seiner Bank einen tiefgehenden Strukturwandel vorschlug, der seine Bedenken zur Schuldenkrise der Entwicklungsländer reflektierte, stieß er bei seinen Vorstandskollegen auf heftigen Widerstand. Frau Herrhausen erklärte dann später, ihr Mann ist damals arg niedergeschlagen aus der Vorstandssitzung, die sich dann als seine letzte erweisen sollte, zurückgekommen. Und am Morgen vor dem Attentat sagte Herrhausen zu seiner Frau: „Ich weiß nicht, ob ich das überlebe.“ Wobei er damit allerdings eher seine Position als Vorstand der Bank vor Augen hatte. Denn hätte man seine umfangreichen Pläne weiterhin vollständig abgelehnt, wäre er als Vorstand zurückgetreten.

 

Grundlegende Gedanken Alfred Herrhausens waren u. a.: „Die meiste Zeit geht dadurch verloren, dass man nicht zu Ende denkt.“ „Wir müssen das, was wir denken, auch sagen. Wir müssen das, wir sagen auch tun. Und wir müssen das, was wir tun, dann auch sein.“ In Bezug auf Entschuldung der Dritte-Welt-Länder und der Neugestaltung der Ost-/Westpolitik hatte Alfred Herrhausen bereits zu Ende gedacht und auch das was er dachte gesagt, nur den Beweis, dass er das, was er sagt auch tut und was er tut dann auch ist, durfte er diesbezüglich nicht mehr antreten.

 

Angesichts der hemmungslosen alles Menschliche niederwalzenden Globalisierung - bei der achtzig Prozent der Menschheit zu Konsum- und Arbeitsmaschinen zum alleinigen Wohle der 20 Prozent sogenannter, selbst ernannter Eliten degradiert werden, hätte nach obiger Darstellung ein Alfred Herrhausen sicher darauf gedrungen, dem Spuk endlich ein Ende zu setzen, um Schaden von den Völkern (die jetzt ihrer Vernichtung anheimgegeben sind) abzuwenden und um das Allgemeinwohl zu sichern. Leider gibt es seit dem Tod der beiden Herren Herrhausen und Rohwedder, keine Finanzmanager mehr, die noch den Mut haben und in die Fußstapfen der beiden treten wollen, um so oder wenigstens ähnlich zu handeln. Wer will sich schon einer heimtückischen Ermordung aussetzen. Haben die Auftraggeber der Herrhausen- und Rohwedder-Mörder tatsächlich ihr Ziel erreicht? - Der gewaltsame Tod der beiden war zumindest eine bis heute nachhaltige Warnung!

 

 

Achim Kurth, im Dezember 2014

 

(Der Autor, hier unter dem Pseudonym Achim Kurth, ist Jahrgang 1956. Bis Feb.2010 war er fast 38 Jahre bei einer Bank, zuletzt in gehobener Position, tätig.
Am Brennpunkt der Wirtschaft hatte er Einblick in die Entscheidungen der weltweit tätigen Konzerne. Seit 2010 ist er als freier Journalist tätig und publiziert in Zeitschriften und im Internetz.)