Maueröffnung 1989: 100 DM Begrüßungsgeld für jeden DDR-Bürger

 

Bei all den Feierlichkeiten zum Mauerfall vor 30 Jahren wird heute vergessen, dass damals jeder DDR-Bürger im „Westen“ 100 DM Begrüßungsgeld erhalten hat.

 

Das Begrüßungsgeld war eine Unterstützung, die in der Bundesrepublik Deutschland jedem einreisenden Bürger der Deutschen Demokratischen Republik, aus Mitteln des Bundeshaushaltes gewährt wurde. Es wurde 1970 in Höhe von 30 DM eingeführt und konnte zweimal im Jahr in Anspruch genommen werden. 1988 wurde es auf 100 DM erhöht, jedoch auf eine einmalige jährliche Inanspruchnahme beschränkt. Da es in erster Linie für DDR-Rentner gedacht war, die zweimal jährlich in den „Westen“ durften, erlangte die Zahlung besondere politische und wirtschaftliche Bedeutung infolge der Öffnung der innerdeutschen Grenze nach dem 9. November 1989.

 

Das Begrüßungsgeld konnte gegen Vorlage des Personalausweises überall in der Bundesrepublik bei den Stadt- und Gemeindeverwaltungen beantragt werden und wurde dort ausgezahlt. Die Auszahlung wurde in den Papieren vermerkt, um eine unzulässige wiederholte Inanspruchnahme zu vermeiden. Die Auszahlung des Begrüßungsgeldes war ursprünglich nur auf geringe Besucherzahlen ausgerichtet und erfolgte in der Regel bei den ortsansässigen Sparkassen.

 

Als nach dem Mauerfall alle DDR-Bürger in die Bundesrepublik und nach West-Berlin reisen konnten, führte dies zu erheblichen logistischen Problemen. Es kam kurzzeitig zu chaotischen Szenen, so am ersten Montag nach der Maueröffnung vor der Sparkasse in der Badstraße in Berlin-Gesundbrunnen, am Moritzplatz in Berlin-Kreuzberg oder am Zoologischen Garten in Berlin-Charlottenburg, als jeweils bis zu 10.000 DDR-Bürger gleichzeitig vor den Auszahlungsstellen Schlange standen, der Verkehr total zusammenbrach und Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste auffuhren, um die Lage unter Kontrolle zu bringen.

 

Über interne Kontakte zu den Banken bat die Geschäftsführung der Berliner Sparkasse um Mithilfe, deren Notwendigkeit auch durch den Berliner Senat schnell erkannt wurde. So kam es dazu, dass schon ab dem 15. November die Auszahlung des Begrüßungsgeldes durch alle Banken, Poststellen und Sparkassen die ihre Geschäftsstellen zum Teil sogar während der Nacht offenhielten vorgenommen wurde. Diese Berliner Auszahlungspraxis durch Banken und Sparkassen wurde in den nachfolgenden Tagen in der gesamten Bundesrepublik übernommen. Die Auszahlungsvoraussetzungen wurden vereinfacht und beschränkten sich auf die bloße Vorlage eines Personalausweises oder Passes und auf ein Formular in dem die Personalien notiert wurden. Wiederholte Inanspruchnahmen wurden durch einen Datumsstempel auf der letzten, bis dahin unbeschrifteten, Seite des Personaldokuments, weitestgehend verhindert. Ob es dennoch zum Missbrauch, also doppelter Auszahlung kam, ist nicht belegt, da die ausgefüllten Formulare von den Banken zwar an die zuständigen Senats- bzw. Gemeindestellen weitergeleitet wurden, aber dort schon wegen der großen Menge niemals kontrolliert oder irgendwie ausgewertet wurden. Jedes dieser Formulare war für die Banken 100 DM wert und so wurde mit dem Berliner Senat, bzw. mit den Gemeinden im Grenzverlauf zur BRD nur über die eingereichten, also ausgefüllten Formulare abgerechnet.

 

Um den riesigen Menschenmassen möglichst schnell die 100 DM auszuzahlen wurden auch Bankfilialen am Sonnabend geöffnet. Dabei wurden mancherorts die sonst penibel eingehaltenen Vorschriften im Umgang mit Bargeld ausgesetzt. In einer Bankfiliale am Ernst-Reuter-Platz bekam so beispielsweise jeder auszahlende Bankmitarbeiter ein Bündel 100 DM-Scheine mit Mal eben 5.000 DM in die Hand, für das er später 50 ausgefüllte Formulare nachweisen musste. Um alles zugig abzuwickeln konnte jeder Mitarbeiter ein für sich selbst erdachtes Verfahren entwickeln. So füllte mancher die Formulare selbst aus und nahm den Geldschein sorgfältig aus der Schreibtischschublade. Andere ließen die Formulare durch die Besucher ausfüllen, stempelten dann nur den PA und zogen einen Geldschein aus der Hemdtasche, was erheblich weniger Zeit in Anspruch nahm und für eine schnelle Abfertigung sorgte. Das funktionierte, da auch die Besucher möglichst schnell wieder raus wollten und zum Ku´damm und ins KaDeWe strömten, um die 100 DM gleich zu investieren.

 

Bis zum 11. November hatten bereits mehr als drei Millionen Bewohner der DDR den Westen besucht. Bis zum 20. November waren elf Millionen Besucher aus der DDR in die Bundesrepublik Deutschland gekommen. Einige Bundesländer, wie z.B. Bayern, dort gab es noch eine Erhöhung von 40 DM je Person, also insgesamt 140 DM, was das Reiseverhalten der DDR-Bürger vermutlich beeinflusste und überlastete Grenzregionen etwas entlastete. Die Zahlung des Begrüßungsgeldes wurde am Freitag, den 29. Dezember 1989 eingestellt und durch den zwischen der Bundesrepublik und dem Ministerrat der DDR vereinbarten Devisenfonds, in den beide Staaten einzahlten, ersetzt. Aus ihm konnte jeder DDR-Bürger 100 DDR-Mark im Verhältnis 1:1 und weitere 100 DDR-Mark im Verhältnis 1:5 in D-Mark umtauschen.

 

Allein in den ersten drei Wochen nach dem Mauerfall zahlte die Bundesrepublik das Begrüßungsgeld 18 Millionen Besuchern aus. Bei einem Gespräch vom 3. Dezember 1989 in Brüssel bezifferte Bundeskanzler Helmut Kohl dem amerikanischen Präsidenten George Bush gegenüber die seit Öffnung der Grenzen gezahlte Gesamtsumme der Begrüßungsgelder auf 1,8 Milliarden DM. Angesichts des dann auch im Dezember 1989 ungebrochenen Besucherstroms ist davon auszugehen, dass in diesem Monat in etwa noch einmal der gleiche Betrag wie im November angefallen ist. Es ist daher von insgesamt weit über 3 Milliarden DM auszugehen, die im November und Dezember 1989 als Begrüßungsgeld ausgezahlt wurden.

 

JKS / Terra-Kurier / Nov. 2019